Lise Meitner wurde am 17. November 1878 als drittes von acht Kindern einer Wiener Rechtsanwaltsfamilie geboren. Sie besuchte die Volksschule und die Bürgerschule in Wien und hatte damit das für Mädchen vorgesehene Bildungsziel erreicht. Um studieren zu können, musste sie sich in Privatkursen auf das externe Abitur vorbereiten, eine schwere Aufgabe: 14 Mädchen stellten sich der Prüfung; sie war eins der vier, die sie bestanden. Physik wollte sie studieren, weil naturwissenschaftliche Phänomene sie von Kind an beschäftigt hatten. Doch vorher machte sie nach dem Willen der Eltern das Examen als Französisch-Lehrerin, um einen sicheren Abschluss zu haben. 1901 beginnt sie das Physik-Studium. 1906 schließt sie es mit der Promotion ab. In dieser Zeit veröffentlicht sie die ersten wissenschaftlichen Arbeiten.

Weil sie ihr Wissen noch vertiefen wollte, ging sie 1907 nach Berlin, wo damals Max Planck lehrte. Um seine Vorlesungen besuchen zu können, benötigte sie, eine Sondergenehmigung, denn in Preußen durften Frauen zu dieser Zeit noch nicht studieren. Für eigene Forschungen wurde ihr nur ein Raum im Keller des Physikalischen Instituts zugewiesen, der Institutsleiter wollte in den Forschungslabors keine Frau sehen.

In der Berliner Zeit kommt es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem fast gleichaltrigen Chemiker Otto Hahn, der durch ihre Wiener Veröffentlichungen auf sie aufmerksam geworden war. Sie forschten gemeinsam auf dem Gebiet der Radioaktivität und Atomphysik und publizierten zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. 1912 richtet Max Planck für Lise Meitner eine Assistenten-Stelle ein. Im Ersten Weltkrieg geht sie zwei Jahre als Röntgenschwester an die Ostfront, kehrt dann aber wieder zu ihren Forschungen zurück. Mit Otto Hahn entdeckt sie ein neues Element, das Protaktinium. Für diese Entdeckung werden beide für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Ihre Arbeit wird 1918 dadurch gewürdigt, dass sie am angesehenen Kaiser-Wilhelm-Institut eine eigene Abteilung erhält. Ihr Forschungsschwerpunkt sind die noch unbekannten Eigenschaften der Beta- und Gamma-Strahlen, die beim Atomzerfall entstehen. 1922 erhält sie das Recht, Vorlesungen zu halten, 1926 wird sie außerordentliche Professorin.

Lise Meitners Eltern waren Juden sie war aber protestantisch erzogen worden. 1908 hatte sie sich auch evangelisch taufen lassen. Sie könnte sich mit dem Satz identifizieren, den sie einmal von Max Planck zitiert hat: "Nichts hindert uns, die Weltordnung der Naturwissenschaften und den Gott der Religion miteinander zu identifizieren."

 

Die Machtübemahme der Nationalsozialisten 1933 setzte ihrer Lehrtätigkeit ein Ende. Als Österreicherin konnte sie aber weiter forschen und machte- davon auch Gebrauch, was sie sich später vorwarf. Zusammen mit Otto Hahn und ab 1935 mit Fritz Straßmann beginnt sie mit den Versuchen, die schließlich zur Kemspaltung führen sollten. Aus dieser Arbeit wurde sie 1938 durch den Anschluss Österreichs an Deutschland gerissen. Auf einmal war sie eine deutsche Jüdin und damit aufs höchste gefährdet. Über Holland konnte sie nach Schweden fliehen, wo die inzwischen fast 60jährige am Nobel-Institut in Stockholm unterkam. Aber die Arbeitsbedingungen waren für sie dort denkbar schlecht, und die Lebensumstände waren erniedrigend.

Der Kontakt zu den Forscherkollegen blieb allerdings bestehen, und sie diskutierte in Briefen mit Hahn die Ergebnisse der Versuche, die auch nach ihrer Flucht weitergingen. So erfährt sie auch, dass Ende 1938 Hahn und Straßmann die erste Kernspaltung gelingt, was, beide zuerst nicht glauben können. Auf Grund der übermittelten Daten berechnen Lise Meitner und ihr Neffe Otto Fritsch als erste die Energie, die dabei entstanden ist.
Nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima wollen amerikanische Zeitungen Lise Meitner zur "Mutter der Atombombe" machen. Entsetzt betont sie, dass sie nicht den leisesten Anteil an der Entwicklung der Bombe gehabt hat. Auf ihr Ideal von der zweckfreien Forschung ist aber ein Schatten gefallen. Sie muss erkennen, dass hinter jeder wissenschaftlichen Leistung die Gefahr einer missbräuchlichen Anwendung steht Deshalb setzt sie sich für die Ethik der Wissenschaftler ein.



In der Nachkriegszeit erhält sie zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. Lise Meitner starb am 27. 11. 1968, im Alter von 89 Jahren in Cambridge, wo sie die letzten Lebensjahre in der Nähe ihres Neffen zugebracht hatte. Ihr Wunsch "Das Leben muß nicht leicht sein, wenn es nur inhaltsreich ist ." war in Erfüllung gegangen.

Peter Nieting

( Die Bildrechte hat das Max-Planck-Institut in Berlin , bitte bei Vervielfältigung dort um Erlaubnis bitten)

 

13.jpg